Wie die Rätoromanen die Kultur prägen

Es wurde bereits dargelegt, dass der Alpenraum bereits in vorchristlicher Zeit besiedelt war. Die bereits ansässigen Leute nannten die Römer Räter. Die Römerherrschaft und die Besetzung Rätiens begann um Christi Geburt und dauerte rund ein halbes Jahrtausend. Durch die allmähliche Verschmelzung der Römer mit den Rätern wuchsen jene rätoromanischen Geschlechter heran, die dann im ersten Jahrtausend nach Christus alle noch freien Plätze rund um die Silvretta besiedelten.

 

Die Rätoromanen haben zur Zeit der Römerherrschaft die Sprache der Römer und vieles von ihrer Kultur übernommen. Im schweizerischen Teil des Inntales, im Engadin, leben romanische Sprache und romanisches Volkstum heute noch fort. Wenn auch die Sprache der Rätoromanen in Serfaus längst verklungen ist, so begegnen wir noch auf Schritt und Tritt ihren Spuren. Am deutlichsten treten uns rätoromanische Spuren in alten Häusern und im Bevölkerungsbild, vor allem aber in zahlreichen Flur-, Orts- und Bergnamen entgegen.

 

Von den rätoromanischen Namen sind viele heute nicht mehr in Gebrauch und durch deutsche ersetzt. Meistens geben diese Namen die örtlichen oder landschaftlichen Gegebenheiten wieder. Einige Beispiele sollen das nun verdeutlichen. Die älteste urkundliche Form des Namens Serfaus lautet „Sarvus" und stammt aus dem Jahre 1220 (1265 Servous, 1300 Sarws). Dieser Name kommt wahrscheinlich von „supra fauces" und bedeutet soviel wie „über den Schluchten". Die Lage der Siedlung kommt in dieser Ableitung sehr deutlich zum Ausdruck. Eine weitere Deutung mit „sorbuni" = „Land mit Sträuchern" wäre sprachlich möglich, erscheint aber auf Grund der landschaftlichen Gegebenheiten nicht sehr wahrscheinlich. Das Gegenbeispiel bildet Obersaxen gegenüber Serfaus. Es handelt sich hier um eine halb deutsche, halb romanische Wortbildung aus der Zeit der Zweisprachigkeit. Der Name bedeutet „über den Felsen" und in der Tat liegt der Weiler über einer mächtigen Wand von Bündner Schiefern. Das wunderschöne Almgebiet von Serfaus heißt Komperdell. In diesem Namen stecken die beiden lateinischen Wörter „campus" und „pratellum". „Campus" ist die große Ebene, der heutige „Gompa", und „pratellum" ist die Wiese. Komperdell bedeutet also „Wiese auf großer Ebene". Früher war es allgemein üblich, in der Nähe von Almhütten ein Stück Boden einzuzäunen und zu kultivieren. Hirten und Sennleute mussten dann die Wiese mähen und mit dem Heu das Vieh bei Schneewetter füttern. Diese Einrichtung findet sich auch heute noch auf einzelnen Almen. Ursprünglich galt der Name Komperdell nur für diese Wiese und wurde dann später auf das ganze Almgebiet ausgedehnt. Der Kirchplatz von Serfaus trägt den sonderbaren Namen Matschöl. Dieser Name wird von „macellum" = Marktplatz, öffentlicher Dorfplatz, abgeleitet. Allein dieser Name ist ein Beweis dafür, dass Serfaus schon in rätoromanischer Zeit ein stattliches Dorf war. Solche Betrachtungen könnten noch an zahlreichen anderen Namen, wie Platöll, Baschlon, Pezid, Valmid, Gallmötz, Gatsdilarn, Gernöl, Lazin, Matines, Muanes, Malbret, Madatsch und so weiter, angestellt werden, jedoch würde das den Rahmen dieses Kapitels überschreiten.

 

Typisch romanisch ist auch die Siedlung selbst. Die alten rätoromanischen Siedler waren seit alters gewohnt, gesellig in Dorfsiedlungen beisammen zu wohnen. Die geschlossene Siedlung förderte die Gemeinschaft und bot Schutz gegen äußere Gefahren. In Serfaus ist das ursprüngliche Dorfbild auf Grund des Großbrandes von 1942 und zahlreicher Um- und Neubauten nur mehr zum Teil erhalten. Die noch vorhandenen romanischen Bauelemente gilt es daher besonders zu pflegen und der Nachwelt zu erhalten. In Bezug auf die Hausform spricht man vom sogenannten rätoromanischen Haus. Es handelt sich dabei um ein Seitenflurhaus. Das Wohnhaus ist ein Mauerbau. An einer Seite ragt eckartig auf Schrägstützen lagernd der Backofen aus der Hauswand hervor. Weit ausladende Dächer und häufig schön geschnitzte Sparren geben diesem Haus einen krönenden Abschluss. Das Wirtschaftsgebäude wurde ursprünglich ganz in Holz als gesonderter Bau aufgeführt, es stößt jedoch mit seiner Giebelwand unmittelbar an die rückwärtige Giebelwand des Wohnhauses. Durch das kennzeichnende weite Rundtor fuhr der Heuwagen durch den Flur des Wohnhauses zur Tenne. Das rätoromanische Haus ist in seiner ursprünglichen Form bereits Seltenheit geworden. Viele Häuser wurden um- oder neugebaut und den Ansprüchen der Zeit entsprechend verändert. Bei Haus Nr. 37, dessen Torbogen die Jahreszahl 1527 trägt, sind die einzelnen Bauelemente des rätoromanischen Hauses noch schön zu sehen. Auch die merkwürdige Form des Dorfbrunnens weist auf rätoromanischen Ursprung hin. Der Brunnentrog gleicht einem runden Schaff, der auch als „geschaffeiter" Brunnen bezeichnet wird. Schließlich sind auch unter den jetzigen Bewohnern die Abkommen der Rätoromanen noch deutlich erkennbar. Zwei Gruppen können in der heutigen Bevölkerung deutlich unterschieden werden. Neben den Blonden und Helläugigen mit lichter Hautfarbe tritt ein dunkler Menschenschlag mit schwarzem Haar, dunklen Augen und dunkler Tönung der Haut hervor. Letztere sind die Rätoromanen, jene die Deutschen. Auch unter den Familiennamen kann diese Gruppierung festgestellt werden.

 

In wirtschaftlicher Hinsicht waren die Rätoromanen Meister der Viehwirtschaft, und ein wesentlicher Faktor ihrer ganzen Tätigkeit war die Erschließung neuen Wirtschaftslandes. So wurden zur Zeit der Rätoromanen große Waldflächen gerodet und in fruchtbares Wiesen- und Ackerland umgewandelt. Das besondere Verdienst der Rätoromanen liegt in der Erschließung neuer Almgründe, schöner Sommerweideplätze für ihre Viehherden. Auf der Suche solcher Sommerweideplätze kamen die Rätoromanen auch in das Nachbartal, das Paznauntal. Almnamen wie Gampertun, Medrig, Versing und Verbell künden von jener Zeit, in der Menschen, die über den Vintschgau und das Unterengadin gekommen waren, ihre Wirtschaftsgrenzen über Jödier und Bergkämme hinweg gezogen haben, um an der äußersten Grenze der Siedlung besser leben zu können.

Text: Tourismusverband Serfaus & HJA Wuppertal